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Memmingen: Der Freiheitsbrunnen am Memminger Weinmarkt

Pressemeldung vom 6. Juni 2014, 12:01 Uhr

Eine Interpretation

Der Freiheitsbrunnen am Weinmarkt hat seinen Ursprung im Gedenken der Memminger Bürgerschaft an die Abfassung der 12 Bauernartikel im Jahre 1525.

Der Künstler Andreas Brauneis hat dies zum Anlass genommen, eine hochaufragende Stele aus Bronze zu schaffen, deren Konstruktion auf zwölf Rechtecken basiert. Die Rechtecke sind als Paare auf sechs Etagen einander gegenübergestellt und ergeben eine teildurchlässige Säule mit einer Grundfläche von 60 mal 60 Zentimetern und einer Höhe von neun Metern. Was die Stele zum Brunnen macht, sind unsichtbare Spritzdüsen, die auf allen Etagen Wasser in einem zeitlichen Rhythmus und in feiner Dosierung austreten lassen.

Das Fundament des Brunnens ist aus sieben mal sieben Steinquadern gebildet. An dessen Außenkanten sind in Kurzform die Beschwerden und Forderungen der oberschwäbischen Bauern zu lesen, die im März des Jahres 1525 in der Kramerzunft am Weinmarkt abgefasst worden waren.

Das Treffen der Bauern in Memmingen war eine erste verfassungsgebende Versammlung, auf der Grundprinzipien politischer Gemeinwesen formuliert wurden: Freiheit, Gerechtigkeit, Wahl, Selbstbestimmung und Mitbestimmung. Als Grundlage ihrer Forderungen beanspruchten die Bauern nichts anderes als „das Evangelium zu hören und dem gemäß zu leben“. In der Heiligen Schrift lasen sie, „dass sie frei seien und sein wollen“. In den „Zwölf Artikeln“ wird unter Berufung auf „göttliches Recht“ die Universalität der Menschenrechte bezeugt, die durch kein lokales oder sonstiges Sonderrecht außer Kraft gesetzt werden dürfen. Die „Zwölf Artikel“ sind damit zu allererst ein Monument der Freiheit, das für alle Menschen und zu allen Zeiten Gültigkeit beansprucht.

Ziel der Brunnengestaltung war es deshalb nicht, die Geschichte des Bauernkriegs zu erzählen. Es stellte sich vielmehr die Aufgabe, dem hohen Gut der Freiheit und nicht zuletzt ihrer Zerbrechlichkeit eine Gestalt zu geben. Denn wir wissen, dass Freiheit, einmal errungen, nicht für immer gesichert ist. Sie bleibt verletzlich und angreifbar. Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft ist es deshalb, Freiheit wertvoll zu machen, ihr Funktionieren transparent zu halten und Bedrohungen von außen wie von innen zu benennen.

Das Bauprinzip des Memminger Freiheitsbrunnens gibt diesen Ansprüchen Form und Inhalt. Die zwölf Rechtecke unserer Stele erinnern an Tafeln und sie erinnern an die biblische Rechtssetzung. Gott überlässt Moses seine Gebote auf steinernen Gesetzestafeln. Damit ist ihnen Wert und Dauer verliehen.

Die Tafeln des Freiheitsbrunnens stehen für je einen Artikel. Aber sie sind nicht fest gemauert. Ihre Auflagen sind behutsam verzapft, die Profile schmal, die Konstruktion zeigt sich feingliedrig und beinahe fragil. Die Zartheit der Skulptur wird damit zum Symbol für ein kostbares Gut, dessen Fortbestand unsere ganze Aufmerksamkeit verdient. Das hochwertige Material Bronze trägt das seine dazu bei, diese Botschaft zu transportieren.

In Anbetracht der hohen Fallhöhe mag es eine sinnvolle Vorkehrung sein, dass das Wasser nur in feiner Dosis und wie gesprüht aus den Brunnenetagen austritt. Der produzierte Wassernebel kann sich dafür frei bewegen, er hat kein Ziel und keine Richtung, sondern erfüllt sein Umfeld wie die Luft zum Atmen. Freiheit und Menschenwürde sind keine Geschenke, sie sind jedem Menschen zu eigen und sollen überall ihre Wirkung entfalten.
Auch in der Offenheit der Konstruktion liegt Bedeutung. Von allen Seiten der Brunnenstele ergeben sich Durch- und Einblicke. Wir sehen, warum die Stele hält und was Sie zum Einsturz brächte. Genauso müssen die Bauprinzipien einer freiheitlichen Gesellschaft für Ihre Bürger einsichtig und prüfbar bleiben. Auch deshalb ist der Brunnen begehbar. Es gibt kein Wasserbassin, keine Barriere hält auf Distanz. Vor der Freiheit muss niemand ehrfurchtsvoll verharren. Um sie zu bewahren, müssen wir sie beleben und uns mit ihr auseinandersetzen.

Nicht zuletzt sucht der Brunnen Anschluss an das bauliche Ensemble seines Standorts. Die Gestaltung der feinen, vertikal aufragenden Linien korrespondiert mit der Fachwerkskonstruktion der benachbarten Weberzunft aus dem Jahr 1478. Die Brunnenskulptur steht in einem harmonischen Verhältnis sowohl zur Farbstellung der Fachwerkriegel wie zu den Proportionen der Fachwerkfelder. Der hoch aufragende Baukörper der Stele ist dem hohen Giebel der Weberzunft ein ebenbürtiges Pendant. Die Leichtigkeit der Konstruktion verhindert, dass der bedeutenden Fachwerkfassade ihre Wirkung genommen wird.

Kunst ist in vielem die Sichtbarmachung dessen, was sonst nicht sichtbar wäre. Und sie bedient sich dafür einer eigenen Sprache. Wie sonst könnte es ihr gelingen, über den Alltagsdiskurs hinauszugehen. Das ist im Übrigen keine Eigenheit der Moderne, dies gilt für alle Epochen. Berechtigung und Auftrag der Kunst nähren sich aus dem Anspruch, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Es darf deshalb nicht verwundern, wenn ein Kunstschaffender wie Andreas Brauneis das Gedenken an den abstrakten Wert der Freiheit in eine abstrakte Form gießt.

Quelle: Stadt Memmingen

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