Energiewechsel

Berg: Westerwelles Dekadenz des Geistes

Pressemeldung vom 15. Februar 2010, 08:20 Uhr

Wenn Westerwelle über spätrömische Dekadenz in Deutschland reden will,
sollte er über andere Menschen reden als Hartz-Empfänger – doch dann müsste
er seine eigene Klientel beleidigen.
Guido der Seher hätte also von materieller Dekadenz in Deutschland sprechen
können, über die Banker zum Beispiel, die nach einer Krise, an deren Folgen
die ganze Welt leidet und die sie maßgeblich verantwortet haben, nun fette
Boni einstreichen.

Die Historiker sind notorisch zerstritten, wenn es um die Frage geht, wie
das Römische Reich im Orkus der Geschichte verschwinden konnte. Die Invasion
der Barbaren aus dem Norden und die ständige Bedrohung durch das Persische
Reich im Osten stehen relativ weit oben auf der Liste, auch der Aufstieg des
Christentums mag das römische Staats- und Gesellschaftswesen unterminiert
haben.

Nur in einem sind sie sich ziemlich sicher: Wenn da etwas richtig faul war
im Staate Rom, dann die intellektuell korrumpierte und luxussüchtige Elite.
Also das eine Prozent der Bevölkerung, das alle Reichtümer Roms unter sich
aufteilte – aber ganz sicher nicht die verarmte Unterschicht.

Guido der Seher hätte also von materieller Dekadenz in Deutschland sprechen
können, über die Banker zum Beispiel, die nach einer Krise, an deren Folgen
die ganze Welt leidet und die sie maßgeblich verantwortet haben, nun fette
Boni einstreichen. Und er könnte – ohne dem Stammtisch das Wort zu reden –
auch vom lebensfernen Dasein der Berliner Classe Politique berichten, von
fahrbereitschaftlich zur Verfügung gestellten Luxuskarossen, von Empfängen
und Anlässen, bei denen Büffets aufgetürmt sind, so reichlich bestückt, das
noch jedem Hartz-IV-Empfänger der Magen übergehen würde.

Aber Westerwelle ist Chef einer Partei der Besserverdienenden, einer
Elitenpartei. Und einer FDP, die – und hierin steckt womöglich der größte
Affront – derzeit zumindest nach außen hin als intellektuell verkommen
erscheint. Sie betet den Liberalismus als Glaubensbekenntnis herunter, nur
um gleichzeitig ihrer Klientel großzügige Staatsgeschenke zu überreichen,
die jeder liberalen Marktlogik widersprechen.

Statt sich um das Gemeinwohl zu sorgen, schaufelten sich die Machthaber im
alten Rom mit Luxus zu und garnierten diese Selbstversorgung auf Kosten der
Allgemeinheit mit wohlfeilen Worten. Der Verfall des Staates ging einher mit
einem Verfall der Sitten und dem Verrat an einem Mindestmaß an
intellektueller Redlichkeit – so nahm das Ende des Imperiums seinen Anfang.

Wenn man sich also der berühmt-berüchtigten Anfänge erwehren will, wenn es
also in Deutschland tatsächlich eine Dekadenz geben sollte, über die man
jetzt dringend reden müsste, dann ist es die des Geistes, die in Guido
Westerwelles Worten ihren schamlosen Ausdruck gefunden hat.

Auszüge aus DER SPIEGEL,12.2.2010

Ich füge noch ein wunderbares Lied von Wolfgang Ambros bei, das Vertreter
des Besitzbürgertums mit ihrer Reduktion des Lebens auf Geld und Besitz nie
verstehen werden ? Westerwelle und Konsorten können, werden und sollen das
Anliegen wahrer Freiheit auch nie verstehen. Worüber immer sie auch palavern
sie meinen letztlich immer nur Gewerbefreiheit!

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